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Eine schwierige Nachbarschast

Im Laufe der tausendjährigen Nachbarschaft verband und trennte Polen und Deutsche vieles. Was trennte? - Das haben wir immer noch im Gedächtnis. Was verband? Es fällt uns schwer, uns daran zu erinnern. Wer früher zur Schule gegangen ist, erinnert sich vor allen Dingen an: Niemcza, G³ogów (Glogau), P³owce, Grunwald (Tannenberg), die Teilungen, den Kulturkampf und an Hitler. Konflikte und Ringen. Drang nach Osten. Einige Siege und zahlreiche Niederlagen. Wer vor kurzem Schüler gewesen ist bzw. immer noch zur Schule geht, wird noch den Gnesener Tag, den Warschau-Besuch von Willy Brandt nennen, sowie auch Helmut Kohl, der in Krzy¿owa (Kreisau) Mazowiecki umarmt.

Die Nachbarschaft war schwierig. Die Schatten haben die Glanzseiten verdeckt. Was sollte man jedoch auf beiden Seiten der oder ins Gedächtnis rufen? Ich glaube, in erster Linie das, was mit dem Fatalismus der Feindschaft und der Geschichteauffassung des 19. Jh. Schluss machen würde. Diese Auffassung war national, ja nationalistisch, begründet und ging davon aus, dass es einen ununterbrochenen Streit zwischen Polen und Deutschen gab, und dass es so war, "seitdem die Welt besteht".

Es war aber nicht immer so. Bereits Mieszko fühlt sich ziemlich sicher auf dem Reichsgebiet. Er ehelicht Ode, die Tochter des Markgrafen Theoderik, und beteiligt sich an politischen Spielen, in denen er gar nicht die Rolle eines Schafes spielt, das gerade von einem Wolf verschlungen wird. Boles³aw der Tapfere wird gegen Heinrich II. zu Felde ziehen, bevor der sich gegen die Opposition stark gemacht hat. Dieser Heinrich ist übrigens ein Heiliger der katholischen Kirche und der Schutzpatron von Henryk Sienkiewicz (was der Trilogieautor lieber vergessen würde). Der Tapfere wiederum, als er auf Kiev stürmt, ist vom Heiligkeitsideal ziemlich weit entfernt und plündert die Stadt beispiellos aus, wobei ihm..... Regimente Heinrich II. Hilfe leisten. Wenn wir den Gedankengang weiter verfolgen, haben wir Mieszko II. und eine Deutsche namens Richese sowie ihren Sohn, "einen Halbdeutschen", der mütterlicherseits ein Nachkomme des Kaisers war. Dieser "Halbdeutsche" war Kasimir der Erneuerer, der Polen wieder aufbaute und der von Regimenten eines anderen Kaisers, Heinrich III., unterstützt wurde. Das geschah wider den Willen solcher Polen wie der stolze Mas³aw von Masowien, der sich keinen Wiederaufbau wünschte. Zugleich belebte Kasimir das Christentum wieder, indem er sich auf deutsche Geistliche aus Magdeburg stützte. Die Christianisierung Westpommerns, die zu Zeiten Boles³aws Krzywousty (Schiefmund) stattfand, ist unser gemeinsames Werk. Unser gemeinsames Werk ist auch die Ausrottung der Weleten, worauf man in den Schulen taktvoll nicht zu sprechen kommt. Konrad von Masowien wird von jedem Polen mit dem Deutschen Orden in Verbindung gebracht. Der Orden erfreut sich bei uns bekanntlich des schlechtesten Rufes. Man sollte vielleicht im Blick behalten, das Konrad von Masowien selbst auch einen üblen Ruf hatte (was vortrefflich Matejko darstellte, indem er ihn mit einem Dolch in der zusammengeballten Faust zeichnete). Man sollte auch nicht vergessen, dass wir gemeinsam gegen die Pruzzenstämme zu Felde zogen und dass wir uns in den christianisierend-exterminierenden Unternehmen etliche Jahrzehnte lang derselben Meinung waren.

Später war es auch unterschiedlich. Albrecht Hohenzollern, der letzte Hochmeister des Ordensstaates war mit Sicherheit kein "Polenfresser". Er war ein des Polnischen mächtiger Halb-Jagiellone, ein Neffe Sigismund des Alten und nach der Säkularisierung Preußens im Jahre 1525 ein treuer Lehnsmann des Königs. Kaum jemand in Polen weiß noch, dass derselbige Albrecht Hohenzollern, Enkel Kasimir des Jagiellonen, die berühmte Universität in Königsberg gründete. Noch weniger Polen dürften sich der Tatsache bewusst sein, dass er von der polnischen Krone träumte und sich aktiv um sie bewarb. Im 18. Jh. Haben wir in Polen die Sachsen, die im allgemeinen mit Anarchie und dem Untergang der Republik in Zusammenhang gebracht werden. Die Sachsenzeit assoziiert man mit allgemeinem Wohlergehen und Zufriedenheit, was der Spruch: "Unter dem Sachsen sollst du essen, trinken und den Gürtel weiter schnallen" auf den Punkt bringt. Die Maiverfassung vom 3. Mai 1791 wird jedoch nicht mit den Sachsen in Verbindung gebracht, die kraft der Verfassung den Thron von Stanis³aw August übernehmen und ihn von nun an erblich innehaben sollten.

Nach den Teilungen sah es selbstverständlich schlimmer aus und Preußen, eine der Teilungsmächte, ist in Augen vieler Polen nahezu ein Synonym für Deutschland geworden. Im 19 Jh. kamen hinzu der Nationalismus, die ungescheite Innenpolitik Bismarcks, der Kulturkampf, die Germanisierung und Verfolgungen. Gutes geriet rasch in Vergessenheit, Böses aus der Geschichte trat in den Vordergrund. Im 19 Jh. zogen polnische Arbeiter in die Fabriken Westfalens und des Rheinlands, Gelehrte aus Krakau und Lemberg besuchten mit Vorliebe berühmte deutsche Seminare. Fremdheit und Distanz wurden jedoch immer größer. Immer häufiger assoziierte man den Deutschen mit der Pickelhaube, immer seltener mit deutscher Kultur, mit Mozart, Bach, Schiller oder Goethe.

Als ich ein kleines Kind war, haben Jungen auf dem Hof am liebsten Krieg gespielt. Die ersten deutschen Wörter, die ich kannte, lauteten: "Halt!" und "Hände hoch!". Für meine Tochter ist Deutsch die Sprache der ersten internationalen Kontakte. Deutsch lernte sie aus dem Lesestück: "Die Ferien von Klaus, Putzi und Mitzi".

Waldemar £azuga